Der Saal des NationalparkZentrums ist voller Zuschauer zum Fachgespräch "70 Jahre Landschaftsschutzgebiet durch Tun bewahren"; auf der Bühne stellt Rainer Reichstein sein neues Buch vor
© Urheberrecht
06.11.2026

70 Jahre Landschaftsschutzgebiet Sächsische Schweiz – „Durch Tun bewahren“ Deutsch-tschechisches Fachgespräch findet große Resonanz

Die Nationalpark- und Forstverwaltung Sächsische Schweiz von Sachsenforst (NLPFV) würdigte diese Woche gemeinsam mit der Nationalparkverwaltung Böhmische Schweiz (NLPV BS) das 70-jähriges Bestehen des Landschaftsschutzgebiets Sächsische Schweiz mit einem länderübergreifenden Fachgespräch im NationalparkZentrum. 

Das 1956 gegründete Landschaftsschutzgebiet bildet gemeinsam mit dem Nationalpark die Nationalparkregion Sächsische Schweiz. Viele Akteure und Freiwillige bewahren und entwickeln diesen durch Sandstein geprägten Natur- und Kulturraum.

Uwe Borrmeister, Leiter der Nationalpark- und Forstverwaltung von Sachsenforst betont: „Nicht ohne Stolz begehen wir als zuständige Naturschutz- und Forstverwaltung mit den Einwohnern und Partnern den 70.Geburtstag des Landschaftsschutzgebiets, unserer Nationalparkregion Sächsische Schweiz. Wir führen damit gemeinsam die Jahrzehnte langen Leistungen unserer Vorgänger fort.

Eine Landschaft in ihrer Ursprünglichkeit als Wohn, Arbeits- und Erholungsraum zu erhalten, bedeutet, sich auch immer wieder den gesellschaftlichen neuen Anforderungen zu stellen. Das ist unsere Aufgabe neben der Betreuung des Nationalparks, welcher wir uns tagtäglich mit aller Fachkompetenz widmen. Unser Dank geht auch an alle, die im Kleinen wie auch Großen mit ihrer Arbeit zum Landschaftserhalt beitragen. Pflege durch Nutzung ist dabei der Weg.“

Das Fachgespräch zog rund 130 Interessenten ins NationalparkZentrum und behandelte vertieft unterschiedliche natur- und kulturräumliche Facetten des Elbsandsteingebirges.

Prof. Ulrich Walz, Landschaftsökologe an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, und Ronny Goldberg, Naturschutzfachmann von der Nationalpark- und Forstverwaltung Sächsische Schweiz zeichneten die Geschichte des Gebietes des heutigen Landschaftsschutzgebietes seit 1800 nach. Im Mittelpunkt stand die Veränderung der Wald- und Grünlandflächen und der damit verbundene Flora- und Faunawechsel. Typische Strukturelemente des Elbsandsteingebirges wie Baumreihen, Streuobstwiesen, Kleingewässer und Trockenmauern waren im Fokus als wichtige Elemente, die Homogenisierung der Landschaft entgegenwirken und gleichzeitig deren Attraktivität erhöhen. Anhand historischer Dokumentationen zeigten die Referenten, beispielsweise wie sich der Landschaftswandel auf Bodenerosion, Artenvielfalt und Landschaftsbild auswirkte. Zugleich skizzierten sie Perspektiven für den langfristigen Erhalt dieser wertvollen Kulturlandschaft.
Am Beispiel des Rebhuhns verdeutlichten sie den Teilnehmenden, wie der Rückgang kleinteiliger landwirtschaftlicher Parzellen und der damit verlorenen Flächengrenzen die Population dieser bodenbrütenden Vogelart dramatisch schwächte. Ähnliche Folgen zeigen sich bei Pflanzenarten wie Orchideen, Wacholder, Knabenkraut und Enzian.

Jitka Elznicová, Forscherin an der Fakultät für Umwelt der J. E. Purkyně Universität Ústí nad Labem, stellte Forschungsergebnisse zum Wandel der Böhmischen Schweiz vor. Sie reichten von der Flächennutzung bis zu einzelnen Landschaftselementen. Im Zentrum ihres Vortrags stand der Aufbau einer Geoinformationsdatenbank für die grenzüberschreitende Region Sächsisch-Böhmische Schweiz. Sie entstand in mehreren EU-geförderten Projekten, vor allem „Gedächtnis der Landschaft“ und dem bis 2027 laufenden Projekt „TransForMon“. Interessierte finden die Teilergebnisse als interaktiven digitalen Routenführer durch den Landschaftswandel unter projects.fzp.ujep.cz/LM/mapApp sowie im Reiseführer Kyjov – Hinterhermsdorf.

Petr Bauer, Leiter der Abteilung für Naturschutz in der NPV Böhmische Schweiz, reiste ebenfalls aus Tschechien an. In seinem Vortrag „90 Jahre Bemühungen und Schwierigkeiten für den Erhalt des Natur- und Kulturerbes im Norden Böhmens“ zeichnete er die politische Geschichte des Schutzes im Elbsandsteingebirge nach. Er führte von den ersten Bemühungen um das „Elbstromgebiet“ bis zur Ausweisung des böhmischen Landschaftsschutzgebiets Elbsandsteingebirge - CHKO Labské pískovce im Jahr 1972.

Jörg Weber und Jens Posthoff, Mitarbeitende der NLPFV, zeigten an zahlreichen Praxisbeispielen, wie maßgeblich die Aktivitäten vieler Ehrenamtlicher den Erhalt der Kulturlandschaft tragen. Dazu zählen Mahd artenreicher Wiesen, Baumschnittaktionen, Müllberäumungen, Neophytenbekämpfung, Bachrenaturierungen, Teichsanierungen, das Anlegen von Blühstreifen und Obstalleen sowie Entbuschungen. „Allein im Jahr 2026 haben Ehrenamtliche bereits 12.000 Stunden für den Erhalt der Kulturlandschaft geleistet“, so Jens Posthoff.

Andreas Knaak, langjähriger ehemaliger Mitarbeiter der NLPFV, stellte die Bergsportkonzeption vor. Er erläuterte, welche Aspekte daraus besonders dem Schutz des Landschaftsschutzgebietes dienen.

Hartmut Schippers, Revierleiter für das Revier Gohrisch und Henryk Schulz, Betriebsleiter der AG Reinhardtsdorf und Vorsitzender des RBV Sächsische Schweiz – Osterzgebirge e.V. zeichneten den Werdegang einer Agrargenossenschaft in der Kulturlandschaft nach. Sie zeigten die Herausforderungen eines Landwirtschaftsbetriebs mit rund 1.500 Hektar Ackerland, Grünland und Wald. Außerdem stellte Henryk Schulz vor, wie sich die Genossenschaft „Oberes Elbtal Reinhardtsdorf e.G.“ aufstellt um künftig wettbewerbsfähig zu bleiben.

Libor Pěnička vom Nationalen Forstinstitut Tschechiens, beleuchtete die Entwicklung der Wälder im böhmischen Teil des Elbsandsteingebirges. Er ging auf die Nonnenfraß-Kalamität in den 1920er-Jahren, die Schadstoff-Kalamität in den 1970er- und 1980er-Jahren und die Borkenkäferkatastrophe ab 2018 ein. Zudem zeigte er auf, wie das Klima die Gehölzartenvielfalt prägt.

Abgerundet wurden die Vorträge durch die Buchvorstellung vom Autor Rainer Reichstein, Mitglied der Schutzgemeinschaft Sächsische Schweiz und zertifizierter Nationalparkführer. Er führte sein Buch „Vom Meeresgrund zur Barbarine – ein geologischer Streifzug durch das Elbsandsteingebirge“ ein. „Kein Titel prägt diese Landschaft besser als das Wort Elbsandsteingebirge“, so Rainer Reichstein.

 

BU: 

Foto: Stefanie Engelbrecht

Das Buch „Vom Meeresgrund zur Barbarine – ein geologischer Streifzug durch das Elbsandsteingebirge“ bildet eine Essenz der mehr als 150 durchgeführten Exkursionen unter dem Motto „Geologie erleben“, die seit Anfang der 2000er Jahre von Rainer Reichstein und Armin Zenker angeboten werden.