Blickwechsel am Hörnelteich
Der Hörnelteich bei Gohrisch ist ein Meister der Verwandlung: mal ist er da, dann wieder nicht. Fotografen finden ihn schön, weil sich der Lilienstein darin spiegelt. Doch was bleibt davon übrig – jetzt, wo das Wasser fort ist? Es lohnt sich, genauer hinzuschauen!
Wer den Hörnelteich sucht, findet ihn momentan nur im Internet. Der kleine Tümpel am Dorfrand von Gohrisch, der seit Jahren zu den beliebten Fotospots der Sächsischen Schweiz gehört, ist fort. Letztmalig taucht sein Bild im vorjährigen Urlaubsmagazin Sächsische Schweiz 2025 auf. Der Urheber schreibt dazu: „Ich hatte eine klare Vorstellung von der finalen Aufnahme. (…) Das Abendrot setzt das frische Frühlingsgrün sanft in Szene und die untergehende Sonne hinter dem Lilienstein lässt die Abendwolken noch einmal für einen kurzen Moment aufleuchten. Im Wasser spiegelt sich der imposante Tafelberg.“
So kennt man den Hörnelteich – als einen Spiegel. Doch dieses Bild ist verschwunden. Nur eine Bodensenke voller Strauchweiden und Rohrkolben erinnert noch an sein früheres Dasein. Der Teich ist ausgetrocknet. – Ende der Geschichte? Nur vorübergehend, meint einer, der den Hörnelteich seit vielen Jahren bestens kennt: Siegmar Schröder, früher Inhaber einer Garten-Landschaftsbaufirma, heute Rentner. „Das ist ein sogenannter Himmelsteich. Der kommt und geht mit dem Regen.“ Schröder war es, der die einstige Schlammlache vor über 30 Jahren in Zusammenarbeit mit der damaligen Nationalparkverwaltung und mit Fördermitteln überhaupt erst in eine Form brachte, die die Bezeichnung Teich verdient. „Wir haben in den 90er-Jahren viele kaputte, ungepflegte Gewässer in der Region renaturiert“, erinnert sich Jörg Weber, ehemals Verantwortlicher und Organisator solcher Projekte bei der Nationalparkverwaltung. Er nennt sie die „blauen Augen der Landschaft“ – insgesamt 100 Teiche wurden so seit Gründung des Nationalparks im Landschaftsschutzgebiet instandgesetzt. Der Hörnelteich war einer der Ersten.
Die trocken gefallene Senke hätte eigentlich noch alles, was es braucht, um wieder zum Teich zu werden: ein intaktes Zulauf- und Auslaufbauwerk, das den Pegel reguliert. Eine Schicht Lehm als Basis, um die Versickerung zu minimieren. Fehlt bloß noch Regen – und zwar in ausreichenden Mengen. Oder die Schneeschmelze. Denn darauf ist der Hörnelteich angewiesen. Anders als die meisten Teiche im Elbsandsteingebirge wird er von keinem Bach oder Quellgebiet gespeist, sondern nur vom Oberflächenwasser der umliegenden Äcker. In trockenen Sommern macht er sich deshalb rar – oder buchstäblich aus dem Staub. Der Teich ist ein Meister der Verwandlung: mal ist er da, dann wieder nicht. Und anders als für einen Fotografen ist dieser Wandel – die Metamorphosen der Natur – für einen Artenexperten wie Ronny Goldberg von der Nationalpark- und Forstverwaltung das wirklich Spannende an ihm.
In der Senke vollzieht sich ein reges Kommen und Gehen. Wassergewächse wie Teichrose, Hornblatt und Wasserpest machen im Sommer anderen Pflanzenfamilien Platz, die zwar am aber nicht dauerhaft im Wasser leben können: Rings um die kleine Schilfrohr-Insel in der Mitte ist der Boden gesprenkelt von zarten Blütentupfen: Brennender Hahnenfuß sonnt sich neben den stecknadelgroßen zartvioletten Bechern des Schild-Ehrenpreis. Strauchweiden werfen lange Schatten, darunter wachsen Tännelkraut, Schlammling und Zypergras. Hier und da mischt sich der Ufer-Wolfstrapp in die Angelegenheiten des Gilbweiderichs. Kaum eine Stelle, an der nichts wächst. „Teiche sind wichtige Lebensräume“, sagt Ronny Goldberg. Sie halten das Wasser in der Landschaft und bieten einer Vielzahl von Arten ein Zuhause.
Der launische Hörnelteich ist ein Paradies für Schnecken und Insekten – für Spinnen, Falter, Wildbienen und Ameisen. Allein 25 Libellen-Arten wurden an dem Gewässer nachgewiesen. Weil keine Fische in ihm leben können, ist der Teich zudem eine ideale Brutstätte für Frösche und Kröten, deren Nachwuchs sonst leichte Beute wäre. Watvögel, Wildschweine und Füchse finden hier Nahrung und neue Jagdreviere. Nicht zuletzt atmet der Teichboden auf: Bakterien und Pilze bauen organisches Material wie Blätter und Algen im Eiltempo ab, dabei werden massenhaft Nährstoffe freigesetzt – der Teich verjüngt und düngt sich quasi selbst. Kurz: In einem trocken gefallenen Teich ist die Natur keineswegs am Ende – sie zündet binnen Wochen einen Turbo des Lebens. Auf kleinstem Raum vollzieht sich ein Umbruch, der anderswo Jahrzehnte braucht. Auch in dieser Hinsicht ist der Hörnelteich – ein Spiegel.
Man muss nur hineingucken wollen. Ronny Goldberg formuliert es so: „Was ein schöner Teich ist, das ist immer eine Frage der Perspektive.“ Ein berühmter Mann hat diesen Gedanken ein bisschen anders ausgedrückt: „Ich suche nicht, ich finde!“ Soll heißen: Wer mit bestimmten Erwartungen und fertigen Bildern im Kopf auf etwas schaut, der sieht nichts Neues, sondern nur das, was er ohnehin schon kennt. Der Mann hieß Pablo Picasso.
BU
Hartmut Landgraf
Der Zulauf des Hörnelteichs ist noch intakt. Drei, die sich jahrelang um das Gewässer gekümmert haben: Jörg Weber von der Nationalpark- und Forstverwaltung, Landschaftsbauer Siegmar Schröder und Klaus Schneider vom Gebirgsverein Heimatfreunde Gohrisch. (v.l.n.r.).