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19.06.2026

Die Elfenkönigin

Eine Besonderheit des linksseitigen Elbsandsteingebirges kommt einer seltenen Libellenart zugute: der Gestreiften Quelljungfer. Sie ist hübsch und zart wie eine Elfe. Und äußerst beutehungrig. Die Geburt einer wahren Königin – die sich am Ende als König entpuppt.

Das träge Rinnsal an der Gautschgrundquelle ist nicht das, wonach wir suchen. Der Bach ist am Versumpfen. Müde sucht er sich zwischen Farnwedeln, Brombeeren und kniehohen Jungfichten seinen Weg. Kein Ort für Waldelfen. Hier hat sich in den letzten Jahren viel verändert. Die großen Bäume sind fort – ein Werk des Borkenkäfers. Die kleinen machen unten alles dicht und verstecken den Bach. Ein bisschen glitzern müsste sein Wasser schon, um Ihre Majestät anzulocken. „Sonst erkennt sie ihn nicht“, sagt Jürgen Phoenix. 

Anfang Juni, mitten im größten Waldgebiet der Sächsischen Schweiz. Wenn überhaupt, dann haben wir hier und jetzt die Chance, sie aufzuspüren: eine wahre Elbsandstein-Königin: die Gestreifte Quelljungfer – eine in Sachsen vom Aussterben bedrohte Libellenart. So dünn wie ein Strohhalm und lang wie ein ausgestreckter Zeigefinger, am ganzen Körper schwarz-gelb gestreift, mit seidig schimmernden Flügeln. Jürgen Phoenix beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit den hübschen Insekten, und hier, im Gebiet um den Krippenbachgrund, hat er sie schon des Öfteren beobachtet. Als langjähriger Leiter des Artenschutzreferats der Nationalpark- und Forstverwaltung Sächsische Schweiz war er früher schon von Amts wegen an den seltenen Libellen interessiert. Inzwischen ist Phoenix aber im Ruhestand und kann sich Zeit nehmen, um sie noch intensiver im Freien zu studieren. 

Die Gegend ist reich an Quellen und klaren Waldbächen. Solche mit sandigem Bett und einem appetitlich darauf angerichteten Protein-Buffet aus Bachflohkrebsen. Genau das lieben die Larven der Gestreiften Quelljungfer. Und jetzt, Anfang Juni, ist ihr großer Moment. Dann klettern sie nach fünf Jahren Gefangenschaft endlich aus dem Wasser, zwängen sich aus ihrem Larven-Korsett, entfalten die Flügel und steigen zum Licht. Vor dem Jungfernflug müssen sie jedoch ein paar Stunden trocknen und aushärten. Die beste Zeit für Fotos. 

Jürgen Phoenix fallen gleich mehrere Gründe ein, warum ihn Libellen faszinieren: ihre leuchtenden Farben, die ungewöhnliche Art zu fliegen, ihre Geschwindigkeit und die Sensibilität, mit der sie auf Umweltveränderungen reagieren. „Dafür sind sie gute Indikatoren“, sagt der Experte. Heißt: Wo sich die Quelljungfer wohlfühlt, geht´s auch der Natur gut. Bachflohkrebse – die Leibspeise der Libellenlarven – ernähren sich z.B. von Laub, wie es in natürlichen Ufergehölzen mit Erlen, Eichen und Ulmen in die Gewässer gelangt. Fichten-Monokulturen mögen sie nicht. Keine Bachflohkrebse, keine Quelljungfer.

Libellen sind hungrig auf Beute – in jedem Entwicklungsstadium. Ihre Larven nutzen ein nahezu einzigartiges biologisches Werkzeug: die Fangmaske, eine Art stark verlängerte Unterlippe, die explosionsartig nach vorne schnellt, wenn sich ein Beutetier in der Nähe befindet. Voll ausgewachsen sind sie noch weitaus geschickter: Libellen können jeden ihrer vier Flügel unabhängig steuern. Eine im Reich der Insekten einzigartige Technik, die die Tiere zu Flugmanövern befähigt, die an moderne Kampfhubschrauber erinnern: Aus dem Stand können sie auf Spitzengeschwindigkeiten bis zu 50 km/h beschleunigen, in der Luft verharren, abrupt die Richtung wechseln und sogar rückwärts fliegen. Große Facettenaugen sorgen derweil für fast 360 ° Rundumsicht. Und sie jagen ihrer Beute auch nicht einfach nur stur hinterher, sondern sie antizipieren deren Fluchtroute. Nur eins können Libellen nicht: stechen. Ein verbreitetes Vorurteil! „Sie haben gar keinen Stachel“, sagt Jürgen Phoenix. 

Es zeigt sich: Wir sind zur richtigen Zeit am falschen Ort. Eine Stunde später im Grenzgebiet zur Tschechischen Republik: Von der „Quelle der Lügner“ (Studánka Sedmilhářů) plätschert ein glasklares Bächlein Richtung Krippengrund durch den dunklen Hochwald. Hier hat der Borkenkäfer noch nicht gehaust. Die Wipfel lassen wenig Licht zum Boden, sodass der Unterwuchs nicht ins Kraut schießt – und dem Bach seinen Lauf lässt. Nur die Bäume wollen nicht so richtig zum Reich der Waldelfen passen: eine Fichten-Monokultur. Die Gestreifte Quelljungfer scheint das nicht zu stören. Direkt vor unserer Nase hängt sie, frisch geschlüpft, an einem Fichtenzweig – daneben die Larvenhaut. Und Jürgen Phoenix schaut nur einmal kurz hin, und kennt schon ihr intimstes Geheimnis: Unsere Königin ist in Wahrheit ein König. 

Text/Fotos: Hartmut Landgraf

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Wie die Gestreifte Quelljungfer in ihre viel kleinere Larvenhaut gepasst hat, darüber staunen selbst Insekten-Experten wie Jürgen Phoenix. Dem Korsett entkommen, entfaltet sie ihre Flügel und muss dann zunächst ein paar Stunden trocknen und aushärten, bevor sie in ihr kurzes Libellen-Leben aufbricht. Nach vier bis sechs Wochen ist ihre Zeit schon um.