Kompass Natur, Reihe 3, Folge 3 – Der Falschspieler
Ein Schmetterling als Trickbetrüger: Bei der Fortpflanzung spielt der Wiesenknopf-Ameisenbläuling ein falsches Spiel. Das aber geht immer öfter schief. Und nur einer kann ihm jetzt noch helfen: der Mensch. Ein Liebesdrama auf den Grenzbachwiesen bei Hellendorf.
Einen Schmetterling wie den Wiesenknopf-Ameisenbläuling dürfte es eigentlich gar nicht geben. Der das sagt, ist studierter Waldökologe und zweifelt eher selten am Wahrheitsgehalt seiner eigenen Beobachtungen: Ronny Goldberg, Artenspezialist der Nationalpark- und Forstverwaltung Sächsische Schweiz. Doch was sich da jedes Jahr auf den Wiesen bei Hellendorf abspielt, erscheint ihm trotzdem unglaublich – beinahe wie ein Wunder.
Es ist ein Liebesdrama in bester Shakespeare-Manier, ein Stück über Verlangen und Gefahr, Betrug und Verlust. Hauptfigur ist ein kleiner zart bläulich schimmernder Schmetterling mit ockerfarbenen Flügeln: der Helle Wiesenknopf-Ameisenbläuling. Der hübsche Geselle lebt in einer schicksalhaften Dreiecksbeziehung mit zwei artfremden Partnern: einer Blume und einer Ameise – mit dem sogenannten Großen Wiesenknopf, einem auffälligen Kraut mit langen Stängeln und purpurnen Blütendolden, und mit der Knotenameise. Und obwohl diese Partnerschaft früher gut funktionierte, geht sie in letzter Zeit immer öfter schief. Ronny Goldberg ist nur Zuschauer in dem Stück – oder vielleicht doch nicht so ganz. Denn alles spielt sich an einem Ort ab, der zum Landschaftsschutzgebiet Sächsische Schweiz gehört: auf den Grenzbachwiesen bei Hellendorf, unterhalb vom Zeisigstein. Hier an dieser Stelle darf er eingreifen – und muss es sogar. Sonst nimmt die Sache für den Falter kein gutes Ende. Der Helle Wiesenknopf-Ameisenbläuling ist in Sachsen vom Aussterben bedroht.
Eigentlich ist der Schmetterling ein gewiefter Trickser, ein regelrechter Falschspieler. Er betrügt seine Partner, um zu überleben, spannt sie bei der Fortpflanzung für sich ein und überlässt ihnen die Pflege seines Nachwuchses – ohne erkennbare Gegenleistung. Im Sommer legt er seine Eier in die Blüten des Wiesenknopfs, von deren Nektar sich die frisch geschlüpften Raupen dann eine Zeit lang ernähren. Im Herbst lassen sie sich zu Boden fallen und locken mit einer besonderen Duftmarke die Knotenameise an, die sie sodann in ihren Bau trägt, wo sie den Winter über wie die Maden im Speck hausen. Das Gemeine dabei: Für die Ameisen riechen die Raupen wie Ameisen-Kinder. Und während sie sich von den Gasteltern aushalten lassen, fressen sie schamlos deren Nachwuchs. Der Duftbetrug fliegt erst im nächsten Sommer auf – wenn sie sich verpuppen und schließlich als Schmetterling ausschlüpfen. Dann verfliegt ihr Parfum. Nun ist Eile geboten, sonst geht´s ihnen ans Leben.
So clever die Strategie auch erscheinen mag, führt sie doch nur in den seltensten Fällen zum Erfolg. „Der ganze Zyklus ist extrem störanfällig und hängt von so vielen Faktoren ab, dass die Falter eigentlich schon ausgestorben sein müssten“, sagt Ronny Goldberg. Forscher haben errechnet, dass von den etwa 150 Eiern, die ein Ameisenbläulings-Weibchen in ihrem kurzen Leben legen kann, am Ende nur eines die Reise bis zum ausgewachsenen Schmetterling schafft. Fehlt im Fortpflanzungsdrama z.B. einer der Partner, geht die Sache todsicher schief. Und in letzter Zeit passiert genau das: Der Wiesenknopf macht sich rar!
Sumpfige, krautreiche Wiesen – das natürliche Habitat der Blume – gibt es heute nur noch wenige. Sie lassen sich schlechter bewirtschaften und liefern nur minderwertiges Futter, weshalb sie meist entwässert werden, um sie intensiv landwirtschaftlich nutzen zu können. Das aber geht zu Lasten ihrer Artenvielfalt. Die schätzungsweise fünf Hektar große Feuchtwiese bei Hellendorf ist eine der artenreichsten und größten in Sachsen, mit entsprechend reichen Wiesenknopf-Vorkommen. Ein Glück für den Ameisenbläuling. Weil hier Menschen helfend eingreifen: die Landwirte der APG Weideland aus Oelsen. Die Nationalpark- und Forstverwaltung steht in engem Kontakt mit den Bauern – beide Seiten haben sich den Erhalt des wertvollen Biotops und seiner bedrohten Falter zum Ziel gesetzt, die Flächen werden entsprechend schonend bewirtschaftet und zweimal im Jahr gemäht. „Sonst würden diese Lebensräume verschwinden“, sagt Ronny Goldberg.
An einem sommerheißen Julitag zittert die Luft über den Grenzbachwiesen. Wolken von Mücken tanzen in der Hitze. Hummeln und Schmetterlinge irrlichtern zwischen den Halmen herum. Hier und da nicken ihnen rote Bommeln zu: Wiesenknopf. Auf einer versucht ein blau schimmernder Falter gerade sein Glück. Er legt Eier. Das große Spiel beginnt aufs Neue.
Text/Fotos: Hartmut Landgraf
Mit freundlicher Unterstützung des Vereins der Freunde des Nationalparks Sächsische Schweiz
Bild 1: Wenn´s um den Nachwuchs geht, schreckt der Helle Wiesenknopf-Ameisenbläuling vor keiner Gemeinheit zurück. Er spannt zwei artfremde Nachbarn als unfreiwillige Helfer bei seiner Fortpflanzung ein: ein in Bedrängnis geratenes Wiesenkraut und eine Ameise. Doch weil alle drei nur noch schwer zusammenfinden, hängt sein Überleben inzwischen am seidenen Faden. Es sei denn, in diesem Liebesdrama greift ein Vierter ein: der Mensch.