Geologe Rainer Reichstein zeigt mit Hilfe eines Lots wie schief der Spannagelturm sich neigt
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20.10.2026

Kompass Natur, Reihe 3, Folge 5 – Schräg drauf

Geologische Drift: Das größte Klettergebiet der Sächsischen Schweiz gerät aus dem Lot – langsam, über Jahrmillionen. Wer das Geheimnis der wandernden Felsen im Bielatal verstehen will, muss gedanklich zu ihrem Ursprung reisen. In eine Welt aus Wasser. 

Dass in der Bielataler Felsenwelt so manches aus dem Lot ist, wusste schon Hermann Krone. Auf seiner berühmten Reportagereise durchs Elbsandsteingebirge entdeckt der Vater der Landschaftsfotografie 1853 beim Ablichten der Herkulessäulen eine leichte Unschärfe beim kleineren, talwärts geneigten der beiden Türme, woraus er schließt: „(…) dass diese Säule in ihrem Obertheil unter der Einwirkung des Windes etwas schwankt.“ Ebenfalls auf der Kippe steht keine 100 Meter entfernt ein prominenter Nachbar der Herkulessäulen, der 1908 unter dem bezeichnenden Namen „Schiefer Turm“ Eingang in den ersten Kletterführer der Region findet. Dessen Autor Rudolf Fehrmann ahnt jedoch ebenso wenig wie Altmeister Krone, dass die sichtliche Schieflage kein Zufall, sondern Folge unerbittlicher Kräfte ist, die weite Teile des Gebiets allmählich aus dem Gleichgewicht bringen – unmerklich langsam, in Jahrmillionen. Die Felsen im Bielatal – „wandern“! Oder wie Rainer Reichstein sagen würde: sie driften.

Reichstein ist Heimatforscher – jemand, der den Rätseln der Landschaft und ihrer Felsen auf den Grund geht. So wie er muss man sie betrachten, wenn man verstehen will, was hier vor sich geht – aus der Sicht eines Geologen – sich weit zurückversetzen und in die Tiefe graben, bis zu ihren Ursprüngen vor rund 95 Millionen Jahren. Denn damals ist das Gebiet des heutigen Elbsandsteingebirges eine Welt aus Wasser: eine Meeresstraße zwischen zwei mächtigen Inseln, die den südlichen Ur-Ozean Tethys mit dem borealen Nordmeer verbindet. 

In dieser Straße herrscht eine starke, kontinuierliche Strömung Richtung Nordwesten, die Kiesel, Sand und Schlamm aufwühlt und von den Flussmündungen weit ins Meer hinaus trägt. Den Bodensatz der Geschichte bildet ein seltsam viskoses Material, das sich zu jener Zeit auf dem Grund ablagert: „plastifizierbarer Lohmgrundmergel“, sagt Rainer Reichstein. Ein kalk- und tonhaltiges Sediment, auf dem sich später Schicht um Schicht die Sande und Abriebe urzeitlicher Landschaften niedersetzen, bis sie in undenklich langer Zeit unter ihrem eigenen Gewicht felsenfest verpresst zu dem werden, was wir heute als Sandstein kennen.   

Die Mergelschicht selbst bleibt jedoch im Untergrund erhalten, sie wird nie richtig kompakt, sondern lagert bis heute als vergleichsweise weiche Gesteins- und Sedimentlage unter den Felsen – wie ein Gleitmittel. Doch das ist erst die halbe Geschichte, sagt Rainer Reichstein. Der zweite Teil beginnt Millionen Jahre später mit den vereinten Kräften von Tektonik und Erosion. Während das aufsteigende Erzgebirge den ehemaligen Meeresboden von Süden her anhebt, graben sich die Elbe und ihre Zuflüsse mit zerstörerischer Geduld tief in den Sandstein, modellieren Täler und Bergrücken, öffnen Klüfte, planieren Ebenen, brechen, schleifen und verwandeln die Landschaft in einen riesigen Skulpturenpark aus Felstürmen und Tafelbergen, der auf der Welt seinesgleichen sucht. Im Bielatal – und nur hier (!) – spielt indessen noch etwas anderes mit: Hier liegt das lose Fundament des Gebirges, der tonhaltige Mergel-Horizont, nämlich nur wenige Meter tief unter der Oberfläche. Die Felsen haben hier keine so tiefen Wurzeln, weshalb – wie bei einer ins Meer ragenden Gletscherzunge – immer wieder gewaltige Säulen und Blöcke unter ihrer Eigenlast vom Massiv abbrechen, vornüberkippen und der Schwerkraft folgend ins Tal rutschen. Nur geschieht das unbeschreiblich langsam, sodass allein die Zeit Zeuge der Veränderung ist. Millimeterweise über viele Jahrtausende hinweg – für das menschliche Auge oder ein Messgerät schlicht unsichtbar. Aber es erklärt, sagt Rainer Reichstein, warum es im Bielatal heute weit mehr freistehende Sandsteintürme und Höhlen gibt, als anderswo im Elbsandsteingebirge. Und warum hier manche schräge Felswand nicht einfach nur ein markantes Kletterziel ist, sondern ein wichtiges Teilstück im Puzzle unserer fernen geologischen Vergangenheit.

Text/Fotos: Hartmut Landgraf

BU

Wenn Berge aus der Reihe tanzen: Der Spannagelturm (Hintergrund) gehört zu den prominentesten Klettergipfeln im Bielatal. Mithilfe eines Lots kann der Heimatforscher Rainer Reichstein die Talneigung des Felsturms zeigen.