Kompass Natur, Reihe 3, Folge 1 - Der Ewiggestrige
Feuersalamander wirken wie Tiere aus einem früheren Erdzeitalter, als Wasserlebewesen begannen, das Land zu erobern. Ihre auffällige Erscheinung ist Teil ihrer Überlebensstrategie – und gab Anlass für Mythen und Märchen. Auf Drachensuche im Elbsandsteingebirge.
Als Schauplatz einer Drachenlegende wären die Elbhänge bei Schöna im Forstrevier Reinhardtsdorf sicher ein passender Ort. Im Schatten alter Buchen und Eichen windet sich die erste Etappe des Forststeigs wie ein Lindwurm um Felswände und Wasserläufe. Der Wald riecht nach feuchtem Laub und fauligem Holz, die Sonne hat´s schwer, zum Boden durchzudringen. Es ist so ruhig, dass man jeden Tropfen fallen hört. Plötzlich zerreißt ein feiner, schwirrender Ton die Stille: Sip-Sip-Sip-Sirrrr… „Ein Waldlaubsänger“, sagt Kai Noritzsch. Der grüne Singvogel ist ein typischer Buchenwaldbewohner. Doch wegen ihm sind wir nicht hier. Der, den wir suchen, hat sich versteckt. Er ist glänzend schwarz mit giftgelben Flecken am ganzen Körper und am Schwanz.
Der Feuersalamander. Ein Geschöpf aus dem Reich der Lurche, rein äußerlich ein scheinbar aus der Zeit gefallener Geselle – in fast archetypischer Drachenform, beinahe wie eine kleine Echse oder ein Tier aus einer früheren Erdepoche, als erste Wasserlebewesen begannen, das feste Land zu erobern. Doch Salamander sind keine Reptilien, sondern Amphibien. Und Kai Noritzsch und sein Kollege Wolfram Claus sind keine Drachenfänger, sondern Mitarbeiter der Nationalpark- und Forstverwaltung Sächsische Schweiz von Sachsenforst und als solche im Landschaftsschutzgebiet Sächsische Schweiz für Mensch und Natur verantwortlich – der eine als Förster für Waldökologie und Naturschutz, der andere als Ranger der Trekkingroute Forststeig Elbsandstein.
Wer sich ein bisschen mit Feuersalamandern beschäftigt, kann tatsächlich den Eindruck gewinnen, die Tiere seien in der Evolution auf halbem Wege stecken geblieben: Sie sind die einzige im Flachland und Mittelgebirge vorkommende Amphibienart Mitteleuropas, die ihren Nachwuchs lebend – also als fertige Larve – zur Welt bringt. Ein im Hochgebirge lebender Verwandter des Feuersalamanders, der Alpensalamander, geht sogar noch weiter: Er behält seine Larven im Mutterleib, bis sie vollentwickelt sind, und gebärt die Jungtiere erst dann. Während Frösche und andere Amphibien im Frühjahr Tümpel und Teiche mit ihrem Laich bombardieren – und nur hoffen können, dass einzelne Eier dieses räuberische Umfeld voller Fische, Vögel und Insekten überleben – wacht der Feuersalamander selbst über das Gedeihen seiner Sprösslinge und behält sie im schützenden Mutterleib. Ein beinahe säugetierartiger Survival-Trick. Doch anders als Säugetiere besitzen Salamander keine Plazenta. Ihre Vorfahren sind den Weg zum Landlebewesen nie zu Ende gegangen. Wie andere Amphibien blieben sie ans Wasser gebunden – als Wandler zwischen den Welten.
An seine erste Begegnung kann sich Kai Noritzsch noch erinnern, obwohl sie schon viele Jahre zurückliegt. Nahe Schlottwitz im Müglitztal war´s, erzählt der Naturschutz- und Forstmann, während wir den Ufersaum eines Bachs absuchen. In Sachsen gelten Feuersalamander als gefährdet und stehen unter strengem Schutz – im Elbsandsteingebirge sind sie allerdings gar nicht so selten. Besonders die quell- und gewässerreichen Wälder auf der linken Elbseite bieten ihnen gute Lebensräume, Insekten und Schnecken als Nahrung und kalte, sprudelnde Bäche, in denen ihre Larven bessere Überlebenschancen haben als in fischreichen Teichen.
Hier wird dem Salamander und seinesgleichen auch ein bisschen geholfen: Im Landschaftsschutzgebiet bemühen sich die Förster der Nationalpark- und Forstverwaltung als zuständige Forst- und Naturschutzfachbehörde, Ufergehölze und Gewässerränder zu renaturieren und Baumarten wie Erle, Ahorn und Ulme anzupflanzen, wo lange Zeit die Fichte dominierte. Das kommt den Tieren zugute. Unsere Suche bleibt aber zunächst erfolglos. Trotz ihrer Signalfarben sind die Schwanzlurche gute Versteckspieler. Spüren sie eine Bewegung in ihrer Nähe, verharren sie meistens still, bis die Gefahr vorüber ist. Zu ihrem Schutz haben die Tiere aber noch mehr auf Lager: Feuersalamander produzieren ein wirksames Gift, das sie unter enormem Stress sogar bis zu einem Meter weit ausspritzen können. Für Hunde und Katzen eine echte Gefahr. Auch beim Menschen kann das in den Ohrendrüsen produzierte Sekret (Samandarin) zu allergischen Reaktionen führen. Das leuchtende Gelb der Tiere ist ihre Warnung an Feinde. So gerüstet können sie normalerweise sehr alt werden – deutlich über 20 Jahre.
Nur der Mensch wurde ihnen immer wieder zum Verhängnis. Im Mittelalter galten Feuersalamander als dämonische Kreaturen mit übernatürlichen Kräften. Sie wurden gefürchtet und gejagt. Weil man glaubte, Feuer sei ihr Element, warf man sie sogar lebendig in die Flammen – um Brände zu löschen. Heute hingegen droht den tapsigen Gesellen zumeist beim Überqueren von Landstraßen der sichere Tod – sie sind einfach zu langsam.
Wir indessen wollen sie lediglich vor die Kamera kriegen: Nach fast zweistündiger Suche stoßen wir endlich direkt am Weg auf einen der kleinen Drachen. Der Salamander verharrt reglos auf einem Felsblock am Wasser – und rührt sich auch nicht, als wir Fotos von ihm machen. Doch man spürt, dass er uns genau dabei beobachtet. Wir stören ihn nicht lange. Unsere Drachengeschichte endet ohne Dramen und Opfer – still und friedlich an einem Bach. Lediglich der Waldlaubsänger findet trotzdem Grund zu schimpfen: Sip-Sip-Sip-Sirrrr…
Text/Fotos: Hartmut Landgraf
Mit freundlicher Unterstützung des Vereins der Freunde des Nationalparks Sächsische Schweiz
Foto: An den Quellen und Bächen im linkselbischen Teil der Nationalparkregion Sächsische Schweiz fühlt sich der Feuersalamander ganz in seinem Element. Hier findet er genügend Nahrung, jede Menge Lebensräume – und ideale Bedingungen für seinen Nachwuchs.